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»Themen rund um den gemeinschaftlichen Gesang,
professionell aufbereitet und in ansprechendem Design präsentiert -
das ist das gelungene Konzept der Zeitschrift Cantate.«

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Editorials

Editorials verfasste ALUAN für die Ausgaben 1/99 [arb], 5/99 [art], 3/00 [arb], 6/00 [art], 3/01 [arb], 6/01 [art], 2/02 [arb], 5/02 [art], 3/03 [arb], 6/03 [art], 3/04 [arb], 4/04 [art], 1/05 [art], 4/05 [arb] und 6/05 [art]. Folgendes Editorial verfassten wir nach dem Terroranschlag des 11. September 2001:

"Die richtigen Worte gibt es nicht" – diese Zeile stand vielfach zu lesen angesichts der unbegreiflichen Ereignisse vom 11. September in den USA, die Tausenden von Menschen das Leben kostete. Die geschockte Weltöffentlichkeit reagierte zunächst paralysiert – parteipolitische Grabenkämpfe wurden plötzlich eingestellt, keine "rekordverdächtigen" Sportmeldungen und keine Bonmots aus dem schillernden Boulevard fütterten mehr die Nachrichtenticker, und auch die Kulturszene hielt den Atem an. Alles wirkte plötzlich gänzlich unbedeutend gegenüber der blutigen, ja tödlichen Realität. Schweigemärsche und Gedenkminuten – Stille dominierte plötzlich den internationalen Alltag, denn: Die richtigen Worte fand niemand.

Das muß auch Justus Frantz so empfunden haben, als er drei Tage nach dem Anschlag in der Hamburger St. Michaeliskirche der allgemeinen Verzweiflung und Trauer mit einer Aufführung des Mozartschen Requiems spontan Ausdruck verlieh; von besonderer Symbolkraft war dabei die Zusammenstellung eines multinationalen Ensembles mit dem Kammerorchester der "Philharmonie der Nationen" und dem Chor des Litauischen Staatsorchesters. Ähnlich kurzfristig reagierten auch die Veranstalter der "Ludwigsburger Festspiele", die im Gedenken an die US-Opfer ihr Festival statt mit einer Verdi-Oper mit dem "Deutschen Requiem" von Johannes Brahms unter der Leitung von Wolfgang Gönnenwein beendeten.

Musik ist vielleicht die einzige Sprache, die in einer solchen Situation noch zu beschreiben, zu trösten oder zu helfen vermag. Als Feiern, Sportveranstaltungen und andere Events abgesagt wurden, blieb der (klassischen) Musik jene besondere Aufgabe vorbehalten, die Menschen in ihrer dramatischen Emotionslage zusammenzuführen und ihnen eine gemeinsame Ausdrucksmöglichkeit zu geben. So hatten Konzerte in diesen Tagen zuvorderst einen humanitären Auftrag, der derart universell von keiner anderen Kunst hätte erfüllt werden können. Der drohenden Gefahr der pauschalisierenden Ächtung einer Kultur wie der des Islam wurde in Köln bereits drei Tage nach den Anschlägen ein kleines Zeichen entgegensetzt, als das Chorwerk "Der ewige Tag" von York Höller, dem als Texte drei Gedichte des deutschen Lyrikers Georg Heym, des Chilenen Pablo Neruda und des islamischen (!) Dichters Ibn Scharaf zugrunde liegen, unter großem Beifall seine Uraufführung erlebte.

So einzigartig und unvergleichlich uns die schrecklichen Ereignisse dieser Tage erscheinen mögen, so wenig singulär ist deren tragisches Ausmaß im Blick auf die Geschichte. Mit Katastrophen, Kriegen und (sinnlosem) Tod wurden die Menschen zu allen Zeiten konfrontiert. Und immer wieder zeigte sich die Musik als besondere Möglichkeit, das Erlebte zu reflektieren und damit zu verarbeiten. Eines der beeindruckendsten Beispiele aus der jüngeren Chormusik liefert das "War Requiem" von Benjamin Britten. Diesem Werk wie dessen Schöpfer widmen wir in der vorliegenden CANTATE ein ausführliches Portrait. Musik, und insbesondere Chormusik, hat als verbindendes, tröstendes und versöhnendes Medium gerade wieder in diesen schweren Wochen einen wichtigen Beitrag geleistet. Und sie wird es hoffentlich auch weiterhin tun, denn ... wo niemand mehr die richtigen Worte findet, offenbart die Musik erst ihre wahren Möglichkeiten.
Alexander Reischert